Dies ist der Bildungsbereich, in dem der Einfluss Emmi Piklers auf meine Haltung vermutlich am stärkten zur Geltung kommt. Die ungarische Kinderärztin hatte nicht nur jahrzehntelange Erfahrung in der Betreuung von kleinen Kindern, sie ist auch verantwortlich für die umfangreichste Forschung zur frühkindlichen Bewegungsentwicklung. Ihre These: Kinder erreichen alle Stufen der Bewegungsentwicklung aus eigenem Antrieb (Pikler, 2009). Im besten Fall ohne Einfluss durch Erwachsene, denn hierdurch wird nur der individuelle Rhythmus, mit dem Kinder ihre Bewegungsqualität entwickeln, gestört (Werner, 2010).

 

 

Eingriffe sind also nicht nur überflüssig, sondern sogar schädlich, wenn es sich um Vorwegnahmen wie des Übens bestimmter Positionen handelt. Positiv wirken sich allerdings den Fähigkeiten des Kindes entsprechende, anregende Umgebungen aus. Diese gestalte ich in den Wohnräumen und wähle sie im Wald aus. Zudem werde ich die WALDerKINDER abwartend und aufmerksam begleiten bei ihren selbst initiierten Entwicklungsschritten.

 

Ob Zuhause, im Wald oder auf dem Spielplatz, ich werde keine unnötigen Hilfestellungen geben und keinesfalls werde ich die WALDerKINDER in Situationen locken, die sie nicht bereits sicher beherrschen. Den Eltern verdeutliche ich, dass kleinere Unfälle und Missgeschicke zum Probieren, Erfahren und Lernen dazugehören werden. Dabei haben Kinder, die durch Versuch und Irrtum lernen dürfen, „nachweislich weniger Unfälle als solche, die von Hilfestellungen und Bewertungen des Erwachsenen abhängig gemacht wurden“ (ebd., S. 9).

 

Natürlich werde ich mich mit den WALDerKINDERn über ihre gelungenen Versuche und Fortschritte freuen und sie trösten, wenn sie sich weh tun oder Enttäuschung erleben. Vorausgesetzt, die Umgebung ist ihren Fähigkeiten und ihrem Einschätzungsvermögen angemessen, werde ich die Verantwortung für ihre Bewegungsexperimente allerdings bei den WALDerKINDERn belassen. Nur so gewinnen sie ein sicheres Gleichgewicht, lernen Selbstverantwortung und Geschicklichkeit – beispielsweise auch beim Fallen.

 

Nach Pikler (2009) variiert das Erreichen der einzelnen Stufen der Bewegungsentwicklung individuell um mehrere Monate. Daher liegt mein Augenmerk nicht
auf starren Entwicklungstabellen oder auf wertenden Vergleichen, sondern auf den individuellen Fortschritten der WALDerKINDER im Bereich Flüssigkeit, Sicherheit und Variabilität ihrer Bewegungen (Werner, 2010). Nicht ob Fähigkeiten früh oder spät und in welcher Reihenfolge sie erreicht werden, ist für mich von Interesse, sondern vielmehr, dass die WALDerKINDER sich selbst Ziele stecken, ihre Fähigkeiten und Grenzen verlässlich kennenlernen und sich auf ihre Weise aktiv ausprobieren.